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12 Jahre österreichisches Bildungssystem und was ich wirklich von meinen Lehrern gelernt habe




Mein großes Glück war, dass ich in einem sehr kleinen Ort aufgewachsen bin und es dort eine Volksschule gab, in der alle Kinder aus dem Ort und der näheren Umgebung zur Schule gingen. Die Volksschule hatte als Fokus Sport und darum hatten wir jeden Tag eine Stunde Leibesübungen, wo wir durch Geräte- und Bodenturnen uns austoben konnten. Wie man ja aus Brain Gym® (einer der kinesiologischen Methoden) weiß, ist die Bewegung für erfolgreiches Lernen und die Konzentration essenziell.





Aufgrund der Größe der Schule hatte ich in meiner Klasse sechs Klassenkameraden und der Unterricht war sehr familiär und individuell. Ich habe sehr positive Erinnerungen an meine Zeit in der Volksschule, ich war ein sehr aufgewecktes Kind und war immer und überall dabei. Ich hatte nie das Gefühl, dass so wie ich war oder ich mich ausdrückte ich nicht „richtig“ war oder ich nicht reinpasste.


Im Herbst 2001 kam ich dann ins Gymnasium und hatte das Gefühl täglich in eine andere Welt einzutauchen. Aufgrund des Nachwuchs-starken Jahrgangs gab es fünf 1. Klassen mit jeweils um die 30 Kinder. Wenn die Pausenglocke den Beginn der Pause ankündigte, sich die Türen öffneten und die Kinder auf die Gänge stürmten, erinnerte es stark an das Gewusel, das man auf einem Ameisenhaufen beobachten kann. Für mich war das ein richtiger Kulturschock. Auch der Unterricht war ganz anders, wir durften die Lehrer nicht mehr mit „Du“ ansprechen und die Stimmung in der Klasse war nicht mehr so familiär wie ich es gewohnt war. Ich selbst hatte auch nicht mehr das Gefühl, dass ich „ich“ sein durfte bzw. mein Wesen, so wie es war, erwünscht war.

In der Volksschule hatte ich sehr gute Noten und hatte auch wirklich Spaß am Lernen. In der Unterstufe vom Gymnasium hatte ich zwar nicht mehr nur „Sehr gut“ stehen im Zeugnis, aber die Motivation war Großteils noch da und die „Leistung“ passte. Als ich dann in der Oberstufe war und mitten in der Pubertät änderte sich das aber. Ich sah keinen Sinn mehr in dem Ganzen, was ich da lernen musste, hatte keine Freude mehr und die Noten passten sich dem Tonus auch relativ schnell an. Ich war im Unterricht körperlich anwesend und mehr dann auch nicht mehr. Es gab vielleicht zwei Lehrerinnen, die es schafften, mich zu motivieren und mich aus meinem geschützten „Versteck“ zu locken, indem sie eine fröhliche und motivierende Stimmung verbreiteten. Komischerweise waren das auch die Unterrichtsfächer, in denen ich gute Noten trotz geringem Aufwand hatte. Andere Lehrer schafften es aber, mit ihrer Art, Ausstrahlung und Aussagen, mich komplett zu verlieren und mein Desinteresse an ihrem Fach noch zu unterstützen. Sätze nach jeder Schularbeit wie „Die Schere zwischen Gut und Schlecht wird immer größer“, waren sozusagen das Sahnehäubchen des Ganzen. Rate mal, wo ich mich befand ;) Auch durfte ich mit eigenen Augen beobachten, wie ein Lehrer eine Schülerin mobbte – ja du hast richtig gelesen – eine Klassenkameradin wurde von einem Lehrer traktiert, bis sie weinte. Ja, sie war faul, aber das gibt meiner Meinung nach, dem Lehrer noch lange nicht die Erlaubnis eine Schülerin so zu behandeln, vor allem wenn der Lehrer, der offensichtlich ältere und klügere sein sollte.

Diese Momente haben meine Zeit in der Oberstufe stark geprägt. Auch ich durfte mir immer wieder schnippische Sätze von Lehrern gefallen lassen, mit denen sie mir das Gefühl gaben, dass ich einfach faul und dumm sei und ich doch froh sein sollte, überhaupt die Schulstufen geschafft zu haben und die Matura machen durfte und so weiter – leider glaubte ich ihnen irgendwann sogar. Aus dem heiteren, offenen und fröhlichen Mädchen aus der Sportvolksschule wurde eine zurückgezogene, verunsicherte und an sich selbst zweifelnde junge Frau, die ihren Selbstwert und ihr Strahlen verloren hatte. Der Prozess, meinen eigenen Selbstwert und mein Selbstvertrauen wiederzuerlangen ist ein langer und noch immer andauernder, aber zum Glück hatte ich in meinem Studium (Bachelor wie Master) tolle Vortragende und Mitstudierende, die mich motivierten und mir wieder erlaubten mein Strahlen zuzulassen und mir das Gefühl gaben so richtig zu sein, so wie ich war.

Immer wieder kommt in mir Wut hoch, wenn ich an die Zeit in der Oberstufe denke und an den Umgang und die Aussagen der Lehrer. Doch auch ich bin älter geworden und sehe es jetzt mit einem anderen Blickwinkel. Eigentlich tun mir diese LehrerInnen jetzt einfach nur leid. Entweder sie haben von vornherein den falschen Beruf gewählt oder sie haben über die Jahre in diesem altmodischen und runtergehungerten Schulsystem ihre Motivation und ihren Sinn in ihrer Arbeit verloren, was ich viel schlimmer finde. Diesen Frust haben sie dann auch an den Schülern ausgelassen. Ich sage nicht, dass der Beruf des Lehrenden nicht anstrengend ist und nicht einiges an Nerven und Kraft kostet, aber ich denke, dass sich viele nicht bewusst sind, was für einen Einfluss sie auf das Leben so junger Lebewesen haben. Und was vielleicht manche auch immer wieder vergessen, wir leben in einer Umgebung der Resonanz – wenn ich meinem Gegenüber mit positiver Energie entgegenkomme, dann werde ich positive Energie zurückbekommen. Dasselbe funktioniert auch mit negativer Energie. Ich kann nicht erwarten, dass ein Schüler wieder zu seiner Motivation findet und seine Energie in Lernen von Vokabeln und Grammatik steckt, wenn er sowieso nur gesagt bekommt, dass er faul und dumm sei – steht so vermutlich in keinem Motivationsbüchlein.


Durch diese Erfahrungen habe ich mir geschworen, dass ich nie jemanden das Gefühl geben möchte, dass er/sie für etwas zu dumm, zu schwach, zu faul etc. ist, um XY zu erreichen. Jeder trägt enormes Potenzial in sich, jedoch ist es bei jedem anders verteilt, sonst wäre das Leben ja mehr als langweilig. Manche sind gut mit Zahlen, andere haben ein Talent für Sprachen, wieder andere saugen die Naturwissenschaft nur so auf und alle haben es verdient respektvoll behandelt zu werden und das Gefühl zu bekommen, dass sie als Individuum gehört und gesehen werden und sie den Weg, der für sie richtig ist, gehen und meistern werden.


Durch meine Zeit in der Oberstufe habe ich vieles gelernt, am meisten aber über mich selbst, über das Verhalten anderer und vor allem, wie ich selbst nie sein möchte.

Ich möchte Menschen motivieren, sie unterstützen ihr Potenzial zu erkennen und zu entwickeln, damit sie ihren Weg mutig und stark gehen können, mit viel Selbstvertrauen und dem Gefühl sie selbst sein zu können.

Die Zeit in der Schule ist umgerechnet auf unser ganzes Leben doch nur ein kleiner Bruchteil, zwar ein wichtiger und markanter, aber er entscheidet NICHT über den Rest unseres Lebens und Noten widerspiegeln NICHT den Wert eines Menschen!


Gehe deinen Weg – mutig, stark und in Balance!

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